About2018-08-17T15:25:12+00:00

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Interview

BERLIN COLLECTION wurden von Ulrike Zimmermann und Jürgen Brüning  im Februar 2016 gegründet. Beide haben jahrzehntelange Erfahrung im Feld der Sexualitäten im Film und des expliziten Films.

Wie können wir uns BERLIN COLLECTION bildlich vorstellen?

Bislang könnt ihr Euch das so vorstellen: In unserer Bürogemeinschaft steht ein Rechner, unzählige Festplatten, DVDs, Plakate, Kataloge und das gesamte Archiv von Jürgen Brüning. Wir haben bislang von ca. 500 Titeln die deutschsprachigen Rechte geklärt und veröffentlichen sie über den Vertriebskanal Erotic Lounge der Deutschen Telekom.

“Es geht nicht darum, dass uns ein Film gefällt oder dass wir vielleicht gern mitgespielt hätten.”

Nach welchen inhaltlichen Kriterien arbeitet ihr?

Bislang haben wir  für unseren Vertrieb Filme eingeladen, die sich kritisch mit heteronormativen Klischees auseinandersetzen. Unsere Sammlung ist breiter aufgestellt. Wir erheben keine Geschmacksurteile oder moralische Wertungen. Die einzigen Regeln, die wir uns geben, sind, dass die Filme Safe, Sane and Consensual entstanden sein müssen.  Es geht nicht darum, dass uns ein Film gefällt oder dass wir vielleicht gern mitgespielt hätten.  Wichtig ist ausschließlich, dass volljährige Menschen „sicher, bei vollem Verstand und absolut einvernehmlich“ zusammenarbeiten.

Es ist auffällig, dass Zuschauer*innen bei euch eine besondere Vielfalt vorfinden:  alle denkbaren Körperformen, Hautfarben, Klassen, Handicaps und Geschlechterzugehörigkeiten werden in eueren Filmen thematisiert. Ihr habt besonders viele Filme von und mit Transpersonen im Vertrieb. Was habt ihr archiviert?

Das gesamte Archiv von Jürgen Brüning ist bislang noch nicht erschlossen. Dort lagern rund 5.000 Titel, die zum großen Teil unabhängig produziert wurden. Viele Filme wurden auf dem Pornfilmfestival Berlin gezeigt oder sind Sammlungen aus der Zusammenarbeit der letzten 30 Jahre mit verschiedenen Filmemacher*innen. Die Sammlungen haben wir, weil wir seit vielen Jahren Programme kuratieren. Bereits in den 80er Jahren hat Ulrike Zimmermann Filmreihen zum Thema „Frauen und Sexualität“ in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut gezeigt und Jürgen Brüning kuratierte auch in den 80er Jahren Reihen zur „schwulen Avantgarde“ in den Berliner Kinos Eiszeit und Arsenal. Die Materialien aus dieser Zeit haben wir aufgehoben. Sie spiegeln vielfältige Entwicklungen wider – die Geschichte der Darstellung weiblicher Lust und feministischen Pornografie mit Arbeiten von Chantal Akerman, Barbara Hammer, Femme Fatale, Cleo Uebelmann,  Elfie Mikesch, Manuela Kay und Krista Beinstein. Schwule Pornografie mit Filmen von Wakefield Poole und Peter Berlin, Peter de Rome, Klassiker des „Age of Golden Porn“ von Radley Metzger. Das sind experimentelle Werke bis hin zu Spielfilmen mit interessanten sexuellen Dialogen.

Dann habt ihr so was wie das filmische Erbe des pornografischen Underground – sexpositiv, feministisch, Trans, Inter in euren Schränken?

Ja – und auch experimentell Hetero, konventionell und unabhängig. Alles da, alles gesammelt. Es sind explizite Filme aus aller Welt. Die Bandbreite reicht von Arthouse-Filmen aller Längen und Genres, die auch auf den großen Festivals in Berlin, Cannes, Venedig, Toronto präsentiert wurden, bis zu kurzen expliziten Experimentalfilmen. Ein großer Teil des Archivs besteht aus Sammlungen des Pornfilmfestivals Berlin, das sich in den letzten 13 Jahren als bedeutendes Event und Zentrum der kulturellen Debatten um die Darstellung der Sexualität im Film etabliert hat.  Filmemacher*innen aus aller Welt präsentieren und diskutieren dort ihre Filme. Das PFFB war viele Jahre lang der einzige Ort weltweit, an dem es möglich war, in einem offenen und kollegialen Umfeld über pornografische Experimente, Genderfragen und auch politische Aspekte zu diskutieren. Die Diskurse des Festivals haben eine internationale Kultur geprägt. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von „Schwesterfestivals“ auf der Welt.

“Mit großer Besorgnis sehen wir die zunehmenden Beschränkungen der legalen Veröffentlichung expliziter Filme.”

Warum ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt von großer sozialer und politischer Relevanz, das vorhandene Filmangebot durch explizite Filme zu ergänzen und zu vervollständigen?

Mit großer Besorgnis sehen wir die zunehmenden Beschränkungen der legalen Veröffentlichung expliziter Filme. Gleichzeitig gibt es ein Überangebot illegaler Raubkopien expliziten Inhalts, die ungehindert im Internet zur Verfügung stehen. Es ist schwer zu vermitteln, dass einerseits „alles“ jederzeit im Netz zu sehen ist – nämlich von neoliberalen Pornokartellen raubkopierte Hardcore Filme, die über regionalen Gesetzen stehen – und gleichzeitig werden im Netz unsere Filme oder ganze Webseiten willkürlich gelöscht. Darüber gibt es kaum eine Debatte und viel zu wenige Informationen. Das möchten wir ändern.

Habt ihr konkrete Pläne?

Derzeit suchen wir nach Möglichkeiten und Bündnispartner*innen, um unsere Sammlungen zu erschließen und öffentlich zugänglich machen. Wir möchten zur Forschung und Diskussion einladen. Wir wünschen uns ein lebendiges Pornolabor – ein Forschungszentrum, in dem alle Sexualitäten im Film in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit Raum haben. Das vorhandene Filmangebot sowohl auf dem Kinomarkt als auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ignoriert weitgehend die künstlerische Interpretation des sexuellen Dialoges in ganzer Breite. Gelebte und praktizierte Sexualität als Sprache, die gelernt wird, die Verhandlung braucht, die Interpretationen zulässt, wird immer noch ausgeklammert. Wir wissen, dass sexuelle Kommunikation unterschiedliche Sprachen kennt und Übersetzungen braucht. Unser Medium ist der Film und Berlin Collection besitzt einen einmaligen Fundus, der zur Horizonterweiterung dienen soll und den wir dringend in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen sichtbar und zugänglich machen wollen. Die VOD-Plattform Erotic Lounge nutzen wir schon  und werden sie kontinuierlich weiter bespielen. Im Herbst 2018 bringen wir den wunderbar sinnlichen argentinischen Film „Die feurigen Schwestern“ (Las Hijas del Fuego) von Albertina Carri ins Kino…

Im Herbst 2018 bringen wir den wunderbar sinnlichen argentinischen Film „Die feurigen Schwestern“ (Las Hijas del Fuego) von Albertina Carri in die deutschsprachigen Festivals und im Februar 2019 ins Kino. (Die Fragen stellte Ellen Wietstock www.blackbox-filminfo.de)

Ulrike Zimmermann

Ulrike Zimmermann

ist Produzentin für ArtHaus Kinofilme. Für expliziten Film interessiert sie sich seit ihrer PornForschungsarbeit im Jahr 1986 „Die erregte Frau in der Videothek“. Von 2007 bis 2017 produzierte und drehte sie Sex-Educational Reihen von „G-Punkt Entdeckung“ bis „Männerlust im Wald“.  Ihr jüngster Film als Regisseurin heißt „Vulva 3.0“. Ihr aktuelles Kinoprojekt ist “Das Pornokartell“.

Jürgen Brüning

Jürgen Brüning

ist Mitgründer von Cazzo Film und der Wurstfilm GmbH, den Berliner Kultlabels schwuler Pornografie. Er produziert ebenfalls explizite Avantgarde unter anderen mit Bruce LaBruce und Shu Lea Cheang. Das Pornfilmfestival Berlin betreibt er ehrenamtlich seit 2006 zusammen mit einer Gruppe engagierter PornoEnthu-siast*innen.